Ölziehen ist eine traditionelle Reinigungstechnik, die ihren Ursprung im Ayurveda hat und seit Jahrhunderten angewendet wird, um Mundraum, Zahnfleisch und Immunsystem zu unterstützen. Dabei wird Öl mehrere Minuten lang im Mund hin- und herbewegt, um Bakterien, Toxine und Ablagerungen zu binden. In den letzten Jahren ist das Verfahren im Westen zum Trend geworden – doch hilft Ölziehen wirklich oder ist es nur ein Wellness-Mythos? Dieser Artikel erklärt Funktionsweise, Vorteile, Grenzen und die richtige Anwendung.
Was genau ist Ölziehen?
Ölziehen – auch „Oil Pulling“ genannt – ist eine traditionelle ayurvedische Methode, bei der Pflanzenöl (meist Kokos-, Sesam- oder Sonnenblumenöl) im Mund bewegt wird. Das Ziel: die Mundflora zu unterstützen und die Reinigung zu verstärken.
In der ayurvedischen Lehre gilt der Mundraum als wichtiger Ort für Giftstoffe, die durch regelmäßiges Ölziehen ausgeschwemmt werden sollen. Moderne Interpretationen sprechen eher von einer mechanischen und biochemischen Wirkung auf Bakterien und Zahnbelag.
Wie funktioniert Ölziehen?
Der Vorgang ist simpel: Man nimmt etwa einen Esslöffel Öl in den Mund und bewegt es 5–20 Minuten hin und her.
Das Öl mischt sich mit Speichel und wird dadurch dünnflüssiger. Während der Bewegung gelangen Beläge, Speisereste sowie Teile des bakteriellen Biofilms in diese Öl-Speichel-Mischung. Besonders Fette aus Ölen können Bestandteile bakterieller Zellmembranen binden. Anschließend spuckt man das Öl aus – wichtig: niemals schlucken, da es die gebundenen Keime enthält.
Obwohl die wissenschaftlichen Mechanismen nicht bis ins letzte Detail erforscht sind, sprechen einige Ergebnisse dafür, dass Ölziehen den bakteriellen Haushalt im Mund beeinflussen kann.
Welche Vorteile sind wissenschaftlich belegt – und welche nicht?
Kann die Anzahl bestimmter Bakterien reduzieren
Mehrere kleine Studien zeigen: Ölziehen kann bestimmte Bakterienarten, die Karies oder Mundgeruch fördern – z. B. Streptococcus mutans – reduzieren. Der Effekt ist nicht so stark wie der von Fluorid-Zahnpasta oder antiseptischen Mundspülungen, aber messbar.
Kann Mundgeruch mildern
Da Ölziehen bakterielle Stoffwechselprodukte reduziert, berichten viele Anwender von verbessertem Atem. Studien unterstützen dies teilweise.
Kann das Zahnfleisch unterstützen
Es gibt Hinweise darauf, dass Ölziehen leichte Zahnfleischentzündungen beruhigen kann, vermutlich durch die Verminderung bakterieller Belastung und eine bessere Befeuchtung des Gewebes.
Kann Beläge (Plaque) reduzieren
Einige Studien beobachteten eine leichte Abnahme von Plaque – allerdings ist sie geringer als bei konsequenter, mechanischer Reinigung.
Was Ölziehen NICHT kann
Hier ist Klarheit besonders wichtig:
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Es ersetzt keine Zahnbürste, keine Zahnseide und keine professionelle Zahnreinigung.
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Es kann keine Karies heilen oder verhindern, wenn grundlegende Mundhygiene fehlt.
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Es entgiftet nicht den ganzen Körper – diese Behauptung ist wissenschaftlich nicht belegbar.
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Es ist kein Ersatz für Fluorid, das nachweislich Karies vorbeugt.
Ölziehen kann also ein ergänzender Baustein, aber niemals die Basis der Mundgesundheit sein.
Welches Öl eignet sich am besten?
Kokosöl
Sehr beliebt, da es angenehm schmeckt und Laurinsäure enthält – diese besitzt antimikrobielle Eigenschaften.
Sesamöl
Das traditionelle Öl im Ayurveda. Mild, flüssig und angenehm im Mund.
Sonnenblumenöl
Neutral im Geschmack und leicht verfügbar. Funktioniert ebenfalls gut, hat aber weniger antimikrobielle Eigenschaften als Kokosöl.
Wie wendet man Ölziehen richtig an?
Die Anwendung ist simpel:
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Einen Esslöffel Öl in den Mund geben.
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Das Öl 5–20 Minuten langsam durch die Zähne ziehen und bewegen.
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Nicht gurgeln und nicht schlucken.
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Öl in ein Taschentuch spucken und im Müll entsorgen (verhindert verstopfte Abflüsse).
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Mund mit warmem Wasser ausspülen.
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Danach normal Zähne putzen.
Viele Menschen integrieren Ölziehen morgens vor dem Frühstück, da der Speichelfluss dann niedriger ist und mehr Bakterien gebunden werden können.
Wie oft sollte man Ölziehen?
Für erste Effekte reicht 3–4 Mal pro Woche.
Bei regelmäßiger Anwendung nutzen manche es täglich – das ist unproblematisch, solange keine Reizungen auftreten und die restliche Zahnpflege nicht vernachlässigt wird.
Gibt es Risiken?
Ölziehen gilt als sehr sicher, wenn es korrekt durchgeführt wird. Dennoch gibt es ein paar Hinweise:
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Manche Menschen bekommen bei langen Ziehzeiten einen verkrampften Kiefer.
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Wenn Öl versehentlich eingeatmet wird, kann dies – wie bei jedem Öl – eine Lipidpneumonie verursachen; dies ist selten, aber ein Grund, ruhig zu ziehen und nicht zu gurgeln.
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Bei Allergien auf spezifische Öle (z. B. Nussallergie bei Kokosöl) sollte ein alternatives Öl gewählt werden.
Wenn Unsicherheiten bestehen oder wiederkehrende Zahnfleischprobleme auftreten, ist ein Besuch beim Zahnarzt sinnvoll.
Hilft Ölziehen wirklich? – Das Fazit
Ölziehen ist keine Wunderkur, aber es ist auch kein reiner Trend ohne Nutzen.
Die Technik kann:
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Mundgeruch reduzieren
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den bakteriellen Biofilm beeinflussen
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leichte Zahnfleischreizungen beruhigen
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ergänzend zur Pflege beitragen
Wichtig ist jedoch: Ölziehen ersetzt kein Zähneputzen, keine Interdentalreinigung und keine professionelle Kontrolle.
Als zusätzliche, natürliche Routine kann es aber durchaus einen positiven Effekt haben – besonders, wenn man angenehme, traditionelle Methoden schätzt und 5–10 Minuten Zeit morgens nicht stören.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
Wie schnell merkt man Erfolge?
Viele berichten von frischem Atem und weniger Belägen nach wenigen Tagen. Wissenschaftlich belegte Effekte brauchen meist mehrere Wochen.
Kann ich Ölziehen in der Schwangerschaft anwenden?
Ja, es gilt als sicher. Wichtig ist, das Öl nicht zu schlucken.
Hilft Ölziehen gegen Zahnfleischbluten?
Es kann leichte Entzündungen beruhigen. Wenn Blutungen länger anhalten, sollte jedoch ein Zahnarzt die Ursache klären.
Darf man nach dem Ölziehen direkt essen oder trinken?
Empfohlen wird, erst nach dem anschließenden Zähneputzen zu essen oder zu trinken.
Welches Öl ist am gesündesten?
Kokosöl wird oft bevorzugt, weil es angenehm schmeckt und antibakterielle Eigenschaften besitzt – aber jedes hochwertige, kaltgepresste Pflanzenöl funktioniert.